Irgendwie ist man ja immer bedürftig, wenn man auf Reisen geht: Man sucht Inspiration, will aus dem alltäglichen Allerlei entfliehen, will fremden Menschen begegnen…Darum zog es uns dieses Mal erneut nach Italien.

Unter erschwerten Bedingungen starten wir unsere Reise in die, meiner Meinung nach, schönste Stadt Italiens. Vier Wochen zuvor hatte ich mir unglücklicherweise den Fuß gebrochen und war somit deutlich eingeschränkt in dem was ich tat. Mit Krücken, einem „Airwalker“ am Fuß und Schweißperlen auf der Stirn stieg ich in den Flieger.

Keine 1,5 Stunden später setzten wir zum Landeanflug an und die berauschende Wirkung, die mir die Erkundung von neuen, noch für mich unentdeckten Städten und Ländern gibt, setzte augenblicklich ein. Erst einmal orientieren. Mit dem Bus ging es vom Flughafen an den Busbahnhof nach Venedig direkt. Doch um zu unserem Hotel zu gelangen mussten wir unsere Fahrt mit einem Wasserbus fortsetzen. Leichter gesagt als getan! Man muss acht geben, dass man nicht auf Touristenfallen reinfällt. Diese lauern in Venedig an jedem Eck. Natürlich kommt man mit einem „privaten Taxi“ zwar auch an, zahlt allerdings das Dreifache. Auch uns wollten solche kleinen Gauner davon überzeugen, das sie der Transfer zum Hotel sind. Allerdings ließen wir uns davon nicht täuschen und sind einfach noch ein Stück weiter vor gelaufen. Und siehe da: Dort war dann auch die Wasserbus Station an der wir uns ein Ticket für 3 Tage kaufen konnten. Mit diesen kommt man ganz bequem und günstig zu jedem Platz an den man möchte.

Das Boot biegt um die erste Kurve und Venedig bietet mir einen Blick bei dem mich eine Welle von Emotionen überströmt. Gepaart von Erstaunen, Verwunderung, Begeisterung und Glück wusste ich erst einmal nicht so recht wo ich zuerst hin schauen sollte. Diese historische Stadt, mit all den verwitterten Fassaden und der unendlich alten Geschichte die sie ausstrahlt, zerrten mich sofort in ihren Bann. Eine Impression, die ich so schnell nicht wieder vergessen würde.

Mit dem ächzenden Knarren von altem Metall das an Holz reibt legt das Boot nicht weit von einer Station in der Nähe unseres Hotels an. Der Himmel ist bedeckt und es sieht nach Regen aus. Ich wundere mich über die Vielzahl an Erhöhungen, Podesten, die überall auf den Gehwegen aufgestellt waren. Später erfuhren wir, dass Hochwasserzeit war und ab 17 Uhr die Stadt im Wasser versank.

Unser Hotel war nicht einfach zu finden. Wir durchstreiften viele kleine dunkle Gassen. Ein Geruch von modrigem Gemäuer, Algen und Moos lag in der Luft. Nach einer Weile hatten wir unsere Pension erreicht und inspizierten neugierig das Zimmer. Es war sauber und unendlich kitschig. Ein wenig zu kitschig für meinen Geschmack aber für Venedig genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wir verweilten nicht lange in unserem Zimmer. Unsere Neugier auf die Stadt und was sie uns zu Offenbaren vermag war zu groß. Mit Krücken bewaffnet und einer Ibu Profen 600 im Magen, begannen wir das Abenteuer ins Ungewisse.

Auf den Plätzen zeigt sich das Leben. Gerade in Venedig, wo die Kanäle die Stadt zerstückeln und finstere Gassen oder belebte Touristenstraßen das Eigenleben stören, haben wir die wenigen Plätze, die den Einheimischen gehören, mit wachem Interesse aufgesucht. Mit prunkvollen Kuppeln und Mosaiken übersät, sorgen eine Vielzahl an Sehenswürdigkeiten für großartige Begeisterung bei Touristen aus aller Welt. Die üblichen Highlights muss ich hier jetzt nicht unbedingt erwähnen. Es ist tausend mal schöner sich von dem Charme dieser Stadt verzaubern zu lassen, die vor Romantik nur so strotzt.

Die spielenden Kinder, die Marktstände, das Leben im Freien, zeigen für mich ein völlig neues Venedig. Ich bin berauscht von dem Geruch, den Eindrücken und der Atmosphäre die mich von Sekunde zu Sekunde mehr mitzureißen scheinen.

Der Moment als ich auf dem Markusplatz stehe ist überwältigend. Man hat den Blick frei bis zum Canale Grande, überall Kirchen und alten Paläste. Die pastellfarbenen Fassaden der alten Palazzi sehen bezaubernd aus. Die abbröckelnden Ecken verleihen Venedig den einzigartigen Charme. Die Stadt hat eine ganz andere Ausstrahlung als ich es mir in meinen Gedanken ausgemalt hatte und ich bin im Begriff mich völlig in ihr zu verlieren.

Um 16 Uhr erreichen wir erschöpft und hungrig unser Zimmer. Ich bin nicht mehr gewillt auch nur einen Fuß vor die Türe zu setzen. Der gebrochene Knochen schmerzt und hämmert mit der Unerträglichkeit eines Presslufthammers. Dennis öffnet das Fenster und ich sauge die nasse Luft ein. Der algige Geruch, ich vermisse ihn jetzt schon, wenn ich an zu Hause denke. Die dunkle, enge Gasse in der sich der Eingang unserer Pension befindet strömt eine unbehagliche Stille aus. Kaum habe ich diesen Gedanken zu Ende gebracht, ertönt eine Sirene. Mein Magen krampft sich zusammen. Es klingt unheilvoll. Als ob gleich Flieger über die Stadt kommen um ihre Bomben darauf abzuwerfen. Es ist eine Warnung. Den Einwohnern wird mitgeteilt, dass nun das Hochwasser kommt. Eine bedrückende Stille legt sich über die Stadt nachdem die Sirene verstummt ist. Ich fühle mich ganz seltsam. Lebendig. Ich will es sehen. Sehen wie die Stadt im Wasser versinkt.

Um 18:30 Uhr verlassen wir erneut unsere Pension die keine 5 Gehminuten vom Markusplatz entfernt ist. Schon jetzt schwappt uns das Wasser entgegen und wir können nur wenige Gassen nehmen, die noch trocken geblieben sind. Als wir dort angelangen, traue ich kaum meinen Augen. Der gesamte Platz steht kniehoch unter Wasser. Ein unglaublicher Anblick. Der leichte Nieselregen macht diesen Moment zu einem filmreifen Weltuntergangs-Szenario. Die Schönheit Venedigs versinkt für einige Stunden für einige Zentimeter und ich bin völlig hingerissen von diesem unglaublichen Anblick wie das Wasser sich seinen Weg durch die Kanäle bahnt und sich unaufhaltsam durch jeden Kanaldeckel nach oben drückt.

Wir sind nur 4 Tage hier und ich weiß jetzt schon, dass das zu wenig Zeit ist. In den nächsten Tagen besuchten wir die Inseln Murano und Burano. Sie sind ebenfalls mit dem Wasserbus zu erreichen. Doch die Wartezeiten sind etwas Nervenzehrend. Dennoch ein absoluter Geheimtipp und ein Muss für jeden Reisenerd. Die Vielzahl an kleinen kunterbunten Häusern sind dermaßen bezaubernd, dass man sich sofort verliebt. Jedes Haus hat eine andere Farbe. Wie Smarties stehen sie in Reih und Glied, durchzogen von Kanälen und kleinen Brücken. Ich bin völlig Hingerissen von dieser Schönheit, die mich in solchen unerwarteten Momenten packt und mitreißt.

Was man in jedem Fall in Venedig getan haben sollte:

  • Den Gondolieres bei einer Cola am Uferrand zusehen, wie sie mit der Präzession eines Scharfschützen haargenau durch die mehr als engen Kanäle navigieren.
  • Verschiedenste Maskenläden durchkämmen und den Meistern beim Werk zusehen.
  • Die Vielzahl an kleinen Brücken und faszinierenden Bauten erkunden.
  • Tagesausflüge auf die Inseln Murano und Burano unternehmen lohnt sich ebenfalls, mit seinen unendlich vielen kleinen, krummen, bunten Häusern. Es wirkt wie eine Spielzeug-Stadt die in einer Schneekugel drappiert wurde. Man möchte sie schütteln um zu sehen, ob es schneit.

Fazit:
Venedig ist jederzeit eine zweite Reise wert. Viele behaupten Venedig stinkt, dem kann ich nicht zustimmen. Eventuell lag es an der Reisezeit „März“ und den noch relativ angenehmen Temperaturen. Aber selbst wenn es so wäre finde ich, dass es sich dennoch lohnt Venedig zu sehen. Die Höhepunkte sind alle bequem zu Fuß erreichbar. Wem das allerdings zu anstrengend ist, kann bequem mit dem Wasserbus von A nach B schippern. Diese Stadt hat so viel zu bieten. Das Essen ist fantastisch und die Italiener nach wie vor auch hier zuckersüß. Insgesamt blieben uns nur 4 Tage in Venedig und mit dem gebrochenen Fuß konnte ich lange nicht so viel sehen und machen, wie ich es gerne getan hätte! Die Rialtobrücke war zu unserer Zeit leider in ein Baugerüst zur Sanierung eingehüllt. Nichts desto trotz gibt es genug Sehenswürdigkeiten in Venedig. Wer auf eine Maske aus ist, sollte sich diese definitiv in Venedig kaufen. Die Liebe zur Handarbeit ist hier noch Programm und das sieht man da sich in jeder Maske ein kleines Kunstwerk wiederspiegelt. Wunderschön.