Gott hat die Erde geschaffen. Der Rest ist „Made in China“. Doch hinter dem Land am anderen Ende der Welt der steckt noch viel mehr als nur die Massenproduktion jeglicher Güter…

Mehr als spontan und über den Zaun gebrochen, buchte ich einfach mal einen Flug nach Shanghai. Ich hatte das eigentlich schon vor einem Jahr geplant, doch der alltägliche Umstand machte mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung.

Das Abenteuer startete von Frankfurt aus. Meine erste Reise alleine. Ich war mehr als aufgeregt. Mit meinem riesen Koffer stieg ich am Stuttgarter Flughafen in den Flixbus Richtung Frankfurt Flughafen. Bereits einige Wochen zuvor hatte ich ein Touristenvisum für China beantragt und auch anstandslos erhalten. Über eine Agentur, hatte ich binnen 4 Tagen meinen Reisepass, samt des nötigen Visum darin zurück. Ich war erst sehr skeptisch, ob dass auch so klappen würde, doch es funktionierte tatsächlich Anstandslos.

Lange Zeit hatte ich große Angst alleine zu reisen. Doch mit meiner Reise nach Shanghai habe ich einen großen Schritt ins Ungewisse gewagt. Asien war schon immer ein lang ersehntes Ziel von mir.

Meine Unterkunft war die Privatwohnung eines Freundes in Shanghai-Pudong. Die Wohnung war absolut spitze und ich hatte sogar von meinem Zimmer aus die Aussicht auf die sagen umwogene Skyline Shanghais. Der Blick aus meinem Zimmer ist wie ein Blick in die Zukunft. Irgendwo dahinter liegt die Vergangenheit: Shanghais alter Stadtteil Puxi. Vor 30 Jahren gab es das alles noch gar nicht. Es ist erstaunlich wie schnell sie diese Stadt in die Höhe gezogen haben. Wie sollen da die Einwohner überhaupt noch mitkommen können? Vom Bauern zur Zukunftsstadt. Ob sie diesen Wandel schon verinnerlicht haben? Mein Blick auf die Lichter der Autos, die sich wie Lavaströme durch den Abendverkehr ziehen verrät mir, dass es wohl so sein muss. Rechts und links Wolkenkratzer in eigenartigen Formen. Leuchtend bunt, schreiend nach Aufmerksamkeit.

Die ersten 2 Tage laufe ich herum wie in Watte gepackt. Völlig geflash von all den Impressionen, Gerüchen und Menschen die gefühlt alle gleichzeitig auf mich hereinbrechen.

Das Erste und wichtigste Ziel des 3. Tages ist „Waitan“, die Flaniermeile entlang des Huangpi-Flusses, mitten im Herzen der Stadt. Hier stockt mir der Atem. Und das liegt nicht an der erdrückenden Hitze bei 48 °C. Der Blick ist schon für sich allein atemberaubend. Denn auf der anderen Seite des Flusses, liegt der neu geschaffene Stadtbezirk Pudong. Ihr kennt diese Ansicht vielleicht von Postkarten. Die Wolkenkratzer scheinen sich sich auf einer Insel aneinanderzureihen und bei Einbruch der Dunkelheit sorgen unzählige Lichter für eine faszinierende Kulisse. In Wahrheit sieht es noch beeindruckender aus als auf den Fotos, die ich gemacht habe! Doch das alles kann man nur bis 22 Uhr bewundern, denn dann werden die Lichter abgeschaltet, um Strom zu sparen. Ganz schön modern, diese Chinesen. I like!

Um in Shanghai nicht anzuecken, gibt es ein paar Dinge, die man verinnerlichen sollte.

Lektion 1: Was 2 oder mehr Räder hat, hat IMMER Vorrang!

Die gab es als ich aus der Metro stieg um einen Zebrastreifen zu betreten: Hier ist ein Zebrastreifen nicht gleich Zebrastreifen wie wir es in Europa kennen. Er mag vielleicht genauso aussehen, allerdings heißt das nicht, das dort irgendwer für dich anhält. Nicht einmal wenn du dich schon mitten darauf befindest. Das tückische sind dazu noch die unendlich vielen Rollerfahrer. Normalerweise kann man sie schon von weit her durch das vertraute, laute Knattern ausmachen. Doch in Shanghai ist das inzwischen anders. Wie in Chicago ist auch hier der E-Antrieb nun Gang und Gebe geworden. Die Roller sind quasi lautlos und huschen nur noch wie Gespenster an dir vorbei. Lediglich ein Klingeln oder eine Hupe, die einen meistens zu Tode erschreckt, weist dich darauf hin, demnächst umgenietet zu werden. China hat den Sprung ins 21. Jahrhundert besser gemeistert, als ich erwartet hätte.

Lektion 2: Du bist das Alien!

Es ist unfassbar wie beliebt Europäer in China sind. Wenn man dazu dann noch blond und blauäugig ist, weiß man spätestens nach dem ersten Gang am Bund entlang, wie sich ein Promi fühlen muss. Am Anfang ist es sehr schmeichelhaft, aber wenn man irgendwann keine 2 m mehr laufen kann weil ständig jemand ein Bild von oder mit dir machen möchte, wird das schnell zum lästigen Übel. Man fühlt sich wie ein Ausserirdischer. Leute tuscheln und starren dich an als wäre man von einem anderen Planeten. Teilweise unterbrechen sie ihre Gespräche um dich ausgiebig zu begutachten. Von oben bis unten natürlich. Ein Moment des unbehaglichen Schweigens in dem du keine Ahnung hast wohin du nun schauen sollst. Sie lassen sogar zahlende Kunden stehen um dich sofort bedienen zu können, damit du nicht warten musst. Alle sind dabei jedoch immer stehts höflich, respektvoll, freundlich und haben immer ein Lächeln auf dem Gesicht.

Apropo Gesicht, und schon sind wir bei Lektion 3:

Für den Chinesen ist es immer sehr wichtig sein Gesicht zu wahren. Wenn man eine Frage hat, oder wohin möchte tut der Chinese immer so, als ob er Bescheid wüsste, obwohl er überhaupt keine Ahnung hat. Darum mein Geheimtipp: Manche Chinesen, gerade Taxifahrer können nicht lesen und erst recht kein Englisch sprechen. Das heißt, wenn ihr in ein Taxi steigt und dem Fahrer stolz euren Zettel mit der Adresse in chinesischen Schriftzeichen zeigt, wird er immer nicken und so tun als wüsste er was ihr von ihm wollt, obwohl er absolut kein Wort verstanden hat. Denn es wäre eine große Schande sich einzugestehen, etwas nicht zu wissen. Darum: Zettel einfach verkehrt herum vor zeigen. Also auf den Kopf drehen. Jetzt wisst ihr: Wenn er jetzt nickt, schnell wieder aussteigen, denn er hat KEINEN Plan! (Danke Heidrun für den Lebensretter Tipp.)

Was man auf jeden Fall in Shanghai gemacht und gesehen haben muss, sind

– der Bund (der Blick auf die Skyline ist wirklich unglaublich schön)
– auf einem der Hochhäuser gewesen sein, am Besten während der Dämmerung, wenn die Lichter angehen, um den wundervollen Ausblick über Shanghai genießen zu können
– Eine Hop on, Hop off Bustour
– Durch die Altstadt schlendern
– Die Ruhe unter der Woche im Century Park genießen (Eintritt 10 REM)
– Einen der Tempel besichtigen (Ich persönlich fand den Jing‘ an Tempel am Schönsten)
– In einer Rooftop Bar die Aussicht auf die Skyline genießen (Wir waren z.B. in der …)
– Verschiedene kulinarische Köstlichkeiten ausprobieren (Mega Steaks gibt es im Bubble Nation in Puxi)
– Durch den Bambusgarten Park schlendern vor dem einige Chinesen tanzen oder Spiele spielen.
– Den Hochzeitsmarkt im Peoples Garden, wo Eltern versuchen ihre Kinder an den Mann/die Frau zu bringen (Äußerst skurril)
– Das Nachtleben erlebt haben (Frei trinken in Clubs)
– In einer Karaoke Bar den schrägen Tönen lauschen und die Gaudi des Jahrhunderts zu haben
– Über den riesigen, verwinkelten Fake Market schlendern und sich die Seele aus dem Leib feilschen (Ich war bei dem in der Metrostation „Shanghai Science & Technologie Center“)
– Sich etwas Maßangefertigtes schneiden lassen (Ebenfalls bei der Station „Shanghai Science & Technologie Center“ möglich)

Ich hätte erwartet das Shanghai lauter, voller und angsteinflößender wäre. Aus Erzählungen von Freunden, hatte ich ein schmutziges, schlimmes China erwartet. Doch dem war nicht so. Dieser selbstorganisierte Urlaub hat viele meiner negativen Vorstellungen aus der Welt geräumt und mich für Shanghai und seine Bewohner begeistert. Die Chinesen sind ein sehr freundliches „kleines“ Völkchen, die sehr harmonisch miteinander umgehen. Ich möchte definitiv noch einmal nach China reisen. Allein schon um in Peking die chinesische Mauer zu bewundern, die verbotene Stadt, die Fliegenden Berge, Hongkong zu sehen, den Gottes Pfad überleben und diese eine Glasbrücke zu überqueren. Allerdings befürchte ich, dass ich dafür leider erst einmal wieder einige Zeit sparen muss um mir diesen Wunsch erfüllen zu können.

Mir ist es immer Wichtig stetig meinen Horizont zu erweitern. Für mich ist Stillstand und alltägliche Routine das Schlimmst. Ich brauche Abwechslung! Möchte aus meiner kleinen heilen Welt daheim so oft wie möglich ausbrechen und andere Länder, Sitten, Kulturen und Gebräuche kennenlernen. Erfahren was in der Welt außerhalb unserer Komfortzone eigentlich so abgeht. Denn nur so merkt man, wie gut man es eigentlich zu Hause hat und wird um so viele Erfahrungen, Abenteuer und Erlebnisse reicher, die mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen sind. Solche Erinnerungen können dir nie wieder genommen werden. Denn es sind deine und sie zeigen was du erlebt, überlebt, dass du gelebt und genossen hast. Es geht uns selbst teilweise nur allzu gut, weil wir nicht über unseren eigenen Tellerrand heraus schauen wollen. Weil wir Angst vor dem Ungewissen haben. Es ist traurig wie viele Menschen sich mit dem zufrieden geben und an nichts anderem interessiert sind, nur weil sie oftmals zu bequem sind. Leider kann man sich so niemals weiterentwickeln.