Wir starten von Frankfurt aus. Mein Puls beschleunigt sich, als ich daran denke wieder einmal die Kontrolle abgeben zu müssen und mich in die hoffentlich gut ausgebildeten Hände des Piloten begeben zu müssen. Die einen nennen es Flugangst, ich nenne es Grenzen überwinden. Nach 10 Stunden Flugzeit landen wir endlich in Mombasa. Der Flug wurde uns von Condor als Direktflug verkauft, jedoch landet das Flugzeug in Sansibar zwischen. Ich bin mehr als entnervt. 2 Stunden Wartezeit in Sansibar wegen eines Crewwechsels. Allgemein habe ich Condor auch als nicht sonderlich gut empfunden. Die kratzbürstigen Flugbegleiter und der Service ließ mehr als zu wünschen übrig.

Als wir aussteigen schwimmt die Luft. Es ist Regenzeit. 90% Luftfeuchtigkeit. Es fühlt sich an als könnte ich die Luft trinken. Die Kontrollen dauern gefühlt 3 Stunden und als ich sehe, dass sie danach auch noch jeden einzelnen Koffer durchsuchen müssen reißt mir die Hutschnur. „Pole pole” – das ist das erste Kisuaheli-Wort, was ich lerne, nachdem ich den kenianischen Boden betreten habe, genauer gesagt: die Ankunftshalle des Flughafens in Mombasa. „Pole pole”, heißt nämlich „langsam, langsam” und immer mit der Ruhe, geht es voran in der Abfertigungsschlange vor dem Einreiseschalter. Ich packe meine große Packung Ob’s ganz nach oben, sodass sie gleich nach dem Öffnen dem Kontrolleur Lawinenartig entgegen rollen müssten. Was auch passiert. Panisch fuchtelnd jongliert er die einzelnen Stöpsel wieder zurück in den Koffer, den er beschämt und ganz schnell wieder schließt. Na geht doch! Ich grinse und bin zufrieden über diesen genialen Plan der uns gerade eine halbe Stunde Koffer durchwühlen erspart hat.

Am Ausgang wartet die TUI Reiseleitung und bringt uns zum Bus. Ein riesengroßer Reisebus für.. 7 Leute? Ernsthaft?! Ich begrüße die Klimaanlage zum ersten Mal in meinem Leben und lehne mich zurück. Auf in neue Abenteuer. Die Reise beginnt. Im Bus freunden wir uns mit den ersten Leuten an. Herbert und Kirsten. Herbert ist nun schon zum 82. Mal in Kenia und kennt das Land wie seine Westentasche. Er selbst ist 81 Jahre alt. Ich ziehe meinen Hut. Er ist Top fit und ich liebe seine Geschichten, denen ich während der Fahrt gespannt lausche.

Der Kulturschock beginnt
Wir passieren die Tore Mombasas und erhaschen schon einen ersten Eindruck von Kenia und seinen Bewohnern. Die meisten Häuser sind Wellblechhütten. Die Straßen scheinen mit Müll gepflastert zu sein und viele Menschen sitzen einfach nur herum und tun gar nichts. Der Geruch von draußen brennt mir in der Nase aber irgendwie bin ich lang nicht so entsetzt darüber wie letztes Jahr in Ägypten. Umso näher wir in das Zentrum Mombasa kommen umso feindseliger werden die Blicke die uns zugeworfen werden. Der Linksverkehr ist sehr gewöhnungsbedürftig und das Chaos auf den Straßen ist für außenstehende nicht vorstellbar. Es ist eine einzige Katastrophe. Da gibt es große, heruntergekommene, qualmende LKW’S, die Container aus dem Landesinneren nach Mombasa transportieren, die Straßen verstellen und den Verkehr zum Erliegen bringen. Dann die Matatus, die lokalen Kleinbusse, die bis zu 14 Passagiere transportieren. Und die indischen Tuktuks, die maximal drei Passagiere befördern. In Verbindung mit Hitze und Luftfeuchtigkeit ist die Straße eine Herausforderung für jedermann. Neben der geteerten Hauptstraße bahnen wir unseren Weg mehr schlecht als recht auf holprigen, mit tiefen Löchern übersäten Feldwegen. So lernen wir intensiv die Verhaltensweisen kenianischer Auto-, Matatu- und Fahrradfahrer im Straßenverkehr kennen. Durch das Nichtvorhandensein von Regeln und der lockeren Scheißegal-Einstellung die dort gepflegt wird falle ich mich im Minutentakt von einer Panikattacke zur Nächsten. Die Masse an Menschen auf den Straßen, die offensichtlichen Unterschiede des kenianischen Lebensstandards zu unserem bekannten westlichen Lebensstil schnürt mir die Kehle zu. Ich bin fasziniert, geschockt, überfordert und nachdenklich zugleich.

Die City ist viel gepflegter, große Häuser, Kirchen und Läden prägen das Stadtbild. Auch die Tusks, zwei Paar sich überkreuzende Stoßzähne aus Aluminium, eines der Wahrzeichen Mombasas, bekommen wir auf dem Weg ins Hotel zu Gesicht. Aber sobald wir die Innenstadt verlassen, sehen wir wieder den allgegenwärtigen Schmutz, die furchtbar instabil wirkenden Hütten aus Wellblech und mittendrin spielende Kinder. Wir fahren an einer Mülldeponie vorbei, der Abfall türmt sich direkt neben der Straße in haushohen Bergen und der Geruch raubt einem fast den Atem. Wie können hier nur Menschen leben, jeden Tag diese Luft atmen, dabei essen, schlafen und arbeiten?

Irgendwann ist die Fähre erreicht. Mombasa liegt auf einer Halbinsel und wir setzen in südliche Richtung über. Unglaublich viele Menschen drängen sich auf das (angeblich in Dresden gebaute) große Fährschiff und wir haben in unserem Bus genügend Zeit, die anderen Passagiere zu betrachten. Es ist ein buntes Gemisch: die allgegenwärtigen Kinder in ihren Schuluniformen, Frauen in afrikanisch bunten, langen Gewändern, Muslimas in Burkas, Männer mit Fahrrädern, Schubkarren oder großen Kohlesäcken, die auf dem Rücken getragen werden – das Gewimmel schiebt sich langsam, aber geduldig die Gänge der Fähre entlang.

Ziel unserer lebensmüden Fahrt ist der Diani Beach. Doch um dort hin zu gelangen, müssen wir allerdings mit der Fähre übersetzen. Das scheint schwieriger zu sein, als es aussieht. Dann kommt eine Fähre an, die Tore werden öffnen sich und hunderte Menschen setzen sich in Bewegung. Man muss nur geduldig Schritt halten, dann kann einem auch nichts passieren. Zuerst dürfen die Autos auf die Fähre, dann folgen die Menschenmassen. Als wir 2 lange Stunden darauf warten endlich an der Reihe zu sein um auf eine Fähre zu dürfen, schaffe ich es endlich meine Schnappatmung unter Kontrolle zu bringen. Ich beobachte das Geschehen währenddessen bis ich einschlafe. Wiedereinmal frage ich mich, wieso man so einen riesigen Bus für 7 Personen benötigt?! Völlig sinnlos. Als ich aufwache denke ich unser Bus wird auseinander gesägt. Aber es ist nur das schreiende Geräusch das der Bus von sich gibt als er beim Auffahren auf die Fähre heftig aufsetzt. Wir schaffen es. Der Bus auch. Sogar ohne zu kippen. Für mich ein Wunder.

Nun wird die Fahrt entspannter. Wir sind raus aus dem Tumult, den vielen Menschen den bösen Blicken. Aber meine Blase wird voller. Und voller. Und voller! Herbert muss auch. Halleluja! Der Bus hält an einer.. Ja, was ist das. Hmm. Da steht eine Zapfsäule. Scheint eine Tankstelle zu sein. Der „Tankwart“ führt uns hinter die Hütte. Herbert hält uns an beisammen zu bleiben. Sein Blick ist ernst und angespannt. Kirsten und ich gehen zusammen. In der Hoffnung, nicht von Kakerlaken oder anderem Getier aufgefressen zu werden, schwinge ich meinen Hintern über ein kleines in den Boden gemeißeltes Loch. Der Geruch raubt mir die letzte Luft in meinen Lungen. Es ist ein schweißtreibender Akt nicht durch die Nase zu atmen, während man versucht über einem winzigem Loch im Boden die Balance zu halten, um dabei nichts in diesem Raum zu berühren. Ich schaue mich um. Der Raum sieht aus als wäre er mehrfach vergewaltigt worden. Armer Raum! Erleichtert sinken wir in unsere Sitze zurück. Ich habe das Bedürfnis mich ganzkörper- zu desinfizieren.

Verschwitzt, müde und etwas irritiert von den vorhergehenden Eindrücken erreichen wir schließlich unsere Bleibe für die nächsten 10 Tage. Das Southern Palms Beach Resort am Diani Beach. Sofort werden wir sehr herzlich und mit einem breiten strahlenden Lächeln in Empfang genommen. Dennis bekommt eine frische Kokosnuss in die Hand gedrückt. Ich lehne dankend ab. Meine Allergie erlaubt es mir leider nicht. Wir melden uns an und beziehen unser Zimmer. Erst mal kurz das gesehene verarbeiten und ein bisschen frisch machen. Das Zimmer ist schön. Sauber, geräumig, mit Terrasse und Blick zur Pool-Anlage. Überall Moskitonetze. Perfekt.

Die größte Gefahr in diesem Land sind irgendwelche Krankheiten die von Moskitos übertragen werden. Aus diesem Grund haben wir uns vorsorglich mit allem möglichen Insektenschutzmitteln eingedeckt. Sogar unsere Kleidung haben wir dafür speziell präpariert. Unsere Reiseapotheke war groß. Bloß nichts dem Zufall überlassen. Schließlich hat uns der Arzt im Tropeninstitut Tübingen genug Angst gemacht. Parasiten, Gelbfieber, Malaria, Hepatitis A-Z…, bloß keine Tiere streicheln, keine Kinder anfassen, kein Sex mit Einheimischen, Tieren oder Gegenständen… Ja, er hatte einen trockenen Sinn für Humor. Ich mochte ihn. Dennis nicht!

Die Bungalows sind im afrikanischen Stil gebaut, weiß gekalkt und mit Palmwedeln gedeckt. Das Abendessen ist köstlich, die Betten sind bequem…mit Meeresrauschen im Ohr schlafen wir ein.
Hotelanlage, Essen, Personal nett zurückhaltend und immer hilfsbereit, Affen, Massage

Die Malaria Prophylaxe war geschluckt, der Bikini angezogen – ab zum Strand. Den hatten wir direkt vor dem Hotel. Ein herrlicher kilometerlanger, weißer Sandstrand. Traumhaft. Kaum hingelegt, werden wir von Beachboys attackiert. Sie stürzen sich schlimmer auf Frischlinge als die Moskitos in diesem Land. Das erklärt die Strand-Security mit Knüppel in der Hand. Das Meer ruft nach mir. Ich will unbedingt ins Wasser! Dennis nicht. Er will nicht mit den Beachboys reden. Mir ist es egal. Ich versuche sie zu ignorieren. Sie folgen mir am Strand und bequatschen mich, aber ins Wasser trauen sie sich nicht. HA! GOTCHA! Das. Meer. ist. un. be. scheib. lich. schön! Die Temperatur ist wärmer als im Pool. Aber die Ebbe und Flut-Gezeiten sind hier sehr stark ausgeprägt.

Da gerade Ebbe ist kann ich stellenweise auch noch hunderte Meter weit draußen noch stehen. Natürlich nur dort wo keine Seeigel sind. Die gibt es hier zu hunderten. Viele davon sind die giftigen schwarzen. Einige sind so groß das ich meinen Augen kaum trauen kann. Ich schnorchle stundenlang umher. Die Fische und Seesterne leuchten wieder in den schönsten Farben. Doch ich werde wütend als ich ein riesiges Areal abgestorbener Korallen sehe. Es sieht aus wie ein Unterwasserfriedhof. Wiedereinmal verfluche ich die Menschen dafür wie unachtsam sie mit allem umgehen.

Der Kampf mit den Beachboys
Die Flut kommt und mit ihr werde ich langsam wieder Richtung Strand getrieben. Seetang und Wasserpflanzen werden um mich herum gespült, sodass ich hin und wieder in Panik gerate und wild um mich fuchtle. Als ich mich dann noch in der Ankerleine des einzigen Bootes mit meinem Schnorchel verheddere und fast absaufe, beschließe ich, es für heute gut sein zu lassen. Ungeachtet dessen ist meine Euphorie über das gesehene nicht zu übersehen, als ich aus der Brandung watschle. Umschwärmt von den Beachboys die mich verfolgen als wäre ich aus purem Gold, erzähle ich Dennis vom gerade Erlebten. Wir beschließen ein wenig den Strand entlang zu laufen. Natürlich nicht ohne unsere Verfolger. Kirsten und ich laufen vor, während Dennis immer mehr von uns abgegrenzt wird. Immer mehr scharen sich um ihn. Es dauert nicht lange bis mir die Krawatte platzt.

Ich sammle die Boys zusammen und widme ihnen erst einmal den tödlichsten Todesblick, den ich auf Lager habe, bevor ich zu sprechen beginne. Sie sehen mich an wie geprügelte Hunde. Da die meisten von ihnen zwar Deutsch verstehen können, aber nur sehr gebrochen sprechen, formuliere ich meine Worte so einfach wie möglich. Ich gebe ihnen höflich den Ratschlag nicht so penetrant zu sein, da sich sonst alle Touristen die hier ankommen nur noch an den Pool legen werden und sie ihre Verkaufsstrategie somit vergessen können.

Sie erzählen mir, dass das stimmen mag, sie allerdings jeden Tag aufs neue ums Überleben kämpfen müssen. Sie seien darauf angewiesen jeden Tag etwas zu verdienen, da sie sich sonst nichts zu essen kaufen könnten um ihre Familien zu ernähren.

Ich sagte ihnen das dass vielleicht stimmen mag, ich aber erst einmal hier ankommen möchte um das Land an sich mit seinen Menschen kennenzulernen. Aber wenn uns gleich derart bedrängen, zwingen sie mich damit negativ über sie zu denken und ich gehe davon aus, dass sie das genauso wenig möchten wie ich, da sie doch sicher sehr kluge Menschen sind. Wenn sie mich somit diese Woche meinen Urlaub einfach Urlaub sein lassen, würde ich dann auch etwas bei ihnen kaufen. Ich legte ihnen Nahe, das ich an sich kein freundlicher Mensch bin, wenn man versucht mich zu etwas zu zwingen und das sie meine Bitte respektieren sollten. Dabei schaute ich jeden Einzelnen derart eindringlich an, als wollte ich ihre Nieren. Beide. Sie verstanden das.

In dieser Woche hatten wir tatsächlich unsere Ruhe. Dennis fragte mich was um Himmels Willen ich wieder angestellt hätte. Er konnte es nicht glauben, dass dieses gerade noch Piranha-Artige Schwarmverhalten nun von einer Sekunde auf die nächste aufgehört hatte. Sogar von denen, die nicht bei dem Gespräch dabei waren. Ich sagte ihm, dass ich nur mit ihnen geredet habe. Er schüttelte ungläubig den Kopf. Scheinbar dachte er ich hätte unsere Rückflugtickets dafür her gegeben. Aber nein, mit den richtigen Worten und einer freundlichen aber bestimmten Art ist es kein Problem anderen Menschen zu verstehen zu geben was man möchte, oder auch nicht möchte.

Sie respektierten meinen Wunsch und das rechne ich ihnen wirklich sehr hoch an! Sie waren ab diesem Zeitpunkt sehr freundlich. (Ich hoffe ich verwechsle es nicht mit Angst. Empathie liegt mir nicht sonderlich). Sie fragten immer nur nach unserem Wohlbefinden und grüßten ganz lieb. Ich belohnte sie letztendlich dafür und kaufte ein paar Souvenirs bei ihnen. Nachdem sie eine horrende Summe von mir wollte, ernteten sie abermals meinen Todesblick. Schnell wurde die Summe um die Hälfte billiger. Danach noch billiger und noch billiger. Bis wir bei einem Preis waren, der mir gefiel. Am Ende hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen als ich von Herbert erfuhr, das das Ebenholz Statuen waren. Ein sehr teures Holz, für das ich scheinbar einen viel zu kleinen Preis gezahlt hatte. Konnte ich ja nicht wissen, dafür feilsche ich zu gerne. Ich beschloss an meiner bösartigen Ausstrahlung und meinem Misstrauen gegenüber fremden Menschen zu arbeiten. Mir war nicht bewusst, dass meine „Ich habe nichts zu verlieren in meinem Leben“-Einstellung so präsent ist. Wieder was gelernt.

Über TUI konnten wir im Hotel eine Safari buchen. Wir entschieden uns für eine kurze knackige 2-Tages Safari, da uns nicht genug Zeit zur Verfügung stand. Am liebsten würde ich mit Herbert und Kirsten mit. Eine 1-wöchige Safari Tour. Herbert wäre sicher der perfekte Reiseleiter gewesen, da er über Kenia so gut wie alles wusste. Da ihre Safari allerdings erst dann begann, wo wir schon wieder hätten zurückfliegen müssen, kam das leider nicht in Frage. Darum: 2 Tage Safari im Tsavo Ost und West mit Übernachtung im Taita Hills Naturreservat.

Das Nahtoderlebnis und wie wir es überlebten
Um 6:30 Uhr werden wir von unserem Guide abgeholt. Erste schlechte Nachricht: Die Maximalteilnehmerzahl von 6 Personen wurde nicht eingehalten. Wir sind 7! Mir platzt die erste Ader im Auge. Nach einem kurzen gezicke der anderen Mitfahrer, geht es endlich los. Obwohl wir schon so früh unterwegs sind, ist auf den Straßen in Mombasa bereits die Hölle los. Ich beobachte wie die meisten Kenianer ihr „Bett“ auf der Straße haben: Ein Plastikstuhl auf dem sie im sitzen vor einem kleinen Feuer schlafen. Ich erinnere mich an unser verwöhntes Volk zu Hause, das über jeden kleinen Hubbel in der orthopädisch-verschriebenen Matratze jammert und bei jedem kleinen ziepen im Rücken sofort zum Arzt rennt. In ganz Mombasa entdecke ich die erste und einzige Ampel. Ich bin irritiert. Hätte nicht gedacht, das sie doch tatsächlich in so eine ausgebuffte Verkehrsregelung Geld investieren. Wobei hier doch das Gesetzt gilt: Wer lauter hupt oder aggressiver an die Sache heran geht, darf auch zu erst fahren.

Die „Autobahn“ besteht, ich kann es auch kaum glauben, aus einer richtig geteerten Straße. Sogar Zweispurig in jede Richtung. Zwar ohne Fahrbahnmarkierungen und auch ohne Leitplanken oder ähnliches, aber dafür mit vielen Schlaglöchern. Auch hier gilt wieder: der Gegenverkehr überholt so lange auf der falschen Fahrbahn, bis einer stirbt. Beinahe wäre das auch der Fall gewesen. Bei einem Überholmanöver auf der zweiten Spur kommt uns ein Vierzigtonner als Geisterfahrer entgegen. Hätte unser Fahrer nicht innerhalb eine hundertstel Sekunde reagiert, wären wir alle tot gewesen. Alle sind kreideweiß. Auch unser kenianischer Fahrer ist ganz grau im Gesicht. Man sieht ihm an, dass ihm das scheinbar auch nicht täglich passiert. So setzen wir unsere Fahrt eine gute halbe Stunde schweigen fort bis wir in einen Stau geraten. Unser Fahrer scheint keine Scheu zu haben, einfach mal den Seitenstreifen zu nehmen. Sprich: Ein Ackerfeld. Die Karosserie setzt auf, die Aufhängung schlägt durch. Der Kleinbus wird über die Piste geknüppelt das alles zu spät ist. Andere Autofahrer folgen unserem Beispiel. Teilweise fahren wir durch Löcher, das ich denke, entweder Kippen wir oder wir bleiben einfach Kopfüber drin stecken, so tief sind sie.

Tag 1
Nach dem Höllenritt sind wir sind im Nationalpark Tsavo West angekommen, bekannt für seine „roten Elefanten”, die wir nur wenige Kilometer nach dem Parkeingang zu Gesicht bekommen. Die Truppe Dickhäuter sieht aus wie zu lange in der Sonne gelegen, tatsächlich kommt aber die Färbung der Haut durch den roten Boden. Zum Schutz vor Insekten und auch als Kühlung „duschen” die Tiere mit der roten Erde. Die ersten „echten” Elefanten – ich bin hin und weg und mir tun die armen Zootiere in ihrem viel zu kleinen Gehege gleich noch ein viel mehr leid als vorher.

Und so setzt sich der Tag fort. Etliche Giraffen, fotogeile Zebras, Gazellen, noch mehr Elefanten, Büffel, natürlich auch weniger spektakuläres Getier wie Reiher, Strauße und noch viel, viel mehr.

Gegen Nachmittag erreichen wir unsere Lodge. Dort gibt es Mittagessen und einen Anblick der einem den Verstand raubt. Vor der Lodge befindet sich ein großes Wasserloch. Plötzlich Lärm. Eine gigantische Herde Zebras trabt heran, gefolgt von einer noch größeren Kafon Büffelherde. Die kleine Elefantenfamilie, die sich ohnehin schon dort eingefunden hatte scheint das nicht sonderlich zu stören. Alle flippen aus.

Tsavo-Ost ist laut Reiseveranstalter landschaftlich einer der reizvollsten Nationalpark auf unserer Route. Es stimmt, die Gegend wird zusehends bergiger und der Ausblick aus den Fenstern abwechslungsreicher. Leider haben sich anscheinend alle Tiere der Umgebung irgendwo verabredet – zu sehen ist, außer ein paar vereinzelten Gnus und den allgegenwärtigen Zebras, kein einziger Vierbeiner. Schon von weitem bietet sich ein malerischer Blick auf unser Hotel in dem wir nächtigen werden: in einer Ebene gelegen, umgeben von Wiesen, Bäumen und Büschen, ist die Lodge landschaftlich auf jeden Fall die am schönsten gelegene Unterkunft. Unsere Pirschfahrt ist aber noch nicht zu Ende. Denn plötzlich kommt ein Funkspruch rein und unser Fahre brettert los als gäbe es kein Morgen mehr.

Unsere ohnehin schon überwältigende Impressionen verwandeln sich nur wenig später in ehrfürchtiges Staunen, als vor uns ein Gepard auftaucht. Die Löwin, die gemächlich direkt vor unserem Bus die Piste überquert bemerken wir erst gar nicht. Als wir dann noch im Gras 3 ihrer Löwenbabys entdecken ist das Glück perfekt. Die Großkatze ist deutlich entspannter als wir und trabt gemütlich weiter zu der Wegkennzeichnung um sich dort gemächlich niederzulassen. Gefolgt von einem ausgedehnten Gähnen bei dem die riesigen Hauer zu sehen sind, stockt uns allen der Atem. Unsere Mitinsassen nervten mich von Sekunde zu Sekunde mehr. Ich hatte das Gefühl als glaubten sie, sie seien hier in irgendeiner Art Achterbahn bei der die Tiere einem auf Schienen vor den Latz gefahren werden. Zudem kam noch das sie sich ständig gegenseitig ihre Liste aufzählten: Giraffe, check. Büffel, check. Elefant, check. Löwe, check. Gepard, check.. Das untermalten sie immer schön mit einer Handbewegung die einen Haken in der Luft nachzeichnete. Ich wollte ihnen die Hände abschneiden. Anstatt die gigantische Landschaft, den Geruch, die Vögel, die Vegetation, die Geräusche in sich aufzusaugen und dafür dankbar zu sein an so etwas großartigem teilhaben zu dürfen, bzw. so etwas überhaupt erleben zu können, motzten sie nur unseren Fahrer an, was sie jetzt gerne als nächstes zu sehen haben wollen. Tz. Solche Menschen widern mich an.

Die Dämmerung setzt ein und langsam müssen wir zu unserer Stelzenlodge dir wir vorher von Weitem schon ausmachen konnten. Auch die Innensicht enttäuscht uns nicht: ein Elefant kommt tatsächlich bis fast ans Balkongeländer – Wahnsinn! Außerdem bietet die Lodge einen unterirdischen Aussichtspunkt direkt am Wasserloch. Doch viel Zeit haben wir nicht, denn es geht gleich weiter zur Nacht Pirschfahrt. Inzwischen bin ich von dem ganzen gehoppel über die üblen Feldwege echt fertig und fühle mich wie ein zu lang geschütteltes Milchshake. Eigentlich will ich nur noch ins Bett fallen. Darum bin ich auch nicht mehr so ganz bei der Sache, wenn ein Hase oder ein Gnu über die Straße steppt.

Zurück in der Lodge stürzen wir uns ausgehungert auf das Abendessen. Es schmeckt alles himmlisch! Das Buffet bietet eine große Auswahl für jedermanns Geschmack und wir langen ordentlich zu. Nun aber schnell aufs Zimmer. WOW! Sauber, ein großes geräumiges Bad und die Aussicht direkt auf das Wasserloch. Die Nacht ist sehr kalt und dann und wann hören wir einen Löwen brüllen. Wir haben an diesem Tag sehr viel gesehen, dass muss man erst einmal sacken lassen.

Tag 2
Was, schon aufstehen? Es ist doch noch dunkel! „Frühpirsch” nennt sich der Grund für das meiner Meinung nach viel zu zeitige Ende des Nachtschlafs. Nichtsdestotrotz springe ich sofort aus dem Bett. Safari! Das magische Wort, das übersetzt einfach nur „Reise” bedeutet, lässt vor meinem geistigen Auge sofort spektakuläre Bilder entstehen und mich wie der Wind in meine Kleidung springen. Im Spiegel entdecke ich eine juckende Stelle auf der linken Backe. Mist! Doch kein Traum gewesen, das ein Moskito über mich drüber gerutscht ist. Bevor die Stelle dick werden kann, roll ich kurz mit dem Fenestil Stick drüber. Noch ein kurzes Stoßgebet „Bitte keine Parasiten“ und los geht die Fahrt. Ich bin wieder aufs Neue begeistert von den intensiven Farben und der Weite der kenianischen Landschaft – ein bis zum Horizont unverstellter Blick ist daheim im Alltag doch eher selten und ich genieße immer wieder die Aussicht.

Nach ca. 100 Metern Fahrt merke ich das es ordentlich frisch ist. Die frühmorgendliche Kühle wird durch den schneidenden Fahrtwind, der durchs offene Dach des Busses hereinweht, noch verstärkt und so sind die gefühlten Temperaturen nicht weit vom Gefrierpunkt entfernt. Aber egal: die Landschaft ist atemberaubend. Savanne, so weit das Auge reicht, durchschnitten von sandigen Pisten und begrenzt von hohen Bergen – traumhaft. Mithilfe der morgendlichen Lichtstimmung fange ich einige atemberaubende Aufnahmen ein. Vereinzelt stehen (echt postkartenmäßig) Schirmakazien in der Einöde und über allem wölbt sich ein klarer, blauer Morgenhimmel. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Dann kommen wir zu der Stelle an der wir gestern die Löwin entdeckt haben. Siehe da. Vollgefressen und satt, zusammen mit 2 weiteren Löwinnen und den 3 Jungen, die sich uns nun prächtig präsentierten. Schnurren sie direkt um unseren Bus herum. Der Fahrer versichert uns, das sie nun zu erschöpft sind in unseren Bus zu springen und ich bekomme eine Gänsehaut bei dem Anblick dieser Majestätischen Tiere.

Jede noch so schöne Erfahrung neigt sich einem Ende zu und so machen wir uns wieder auf den Rückweg. Die Safari ist zu Ende, leider viel zu schnell. Resümee: Die Big Five haben wir, bis auf das Nilpferd, alle gesichtet – gar nicht so schlecht für den ersten Afrika-Urlaub! Unser Guide schlägt vor den Stau durch Mombasa zu umfahren und „hintenrum“ zu fahren. So das wir bei Kwale raus kommen und durch Shimba Hills müssen. Gerne!

Die anfängliche Euphorie über das ultimative Offroad-Erlebnis der Buckelpiste über die unser Guide mit ca. 70 km/h donnerte war nach 3 Stunden verflogen. Alle wollen nur noch zurück zum Hotel. Das geschaukel und gehoppel soll aufhören. Wenn ich irgendwann Kinder bekomme, kriegt es keine Milch, es bekommt Käse! Kleine Kinder in Schuluniformen und Frauen mit schweren Lasten auf den Köpfen, zum Teil traditionell farbenfroh gekleidet, laufen durch die Landschaft, denn so etwas wie Fußwege gibt es in den Randbezirken Mombasas nicht. Doch hier wirken die Menschen offene, glücklicher und deutlich freundlicher als in Mombassa direkt. Viele Kinder rennen hinter dem Bus hinterher. Lachen, winken und rufen. Es fühlt sich komisch an. Ich komme mir vor wie ein Alien.

Insgesamt kam es mir so vor als ob die Zeit fliegen wurde. Die 10 Tage gingen unfassbar schnell vorüber. An Tag 9 sagte ich zu Dennis: „So und jetzt bin ich gerade Mental angekommen.“ Aber so war es auch. Irgendwie hat mein Kopf so lange gebraucht, bis ich überhaupt verarbeiten konnte, wo ich gerade war. Es sind so viele Eindrücke auf mich herein gebrochen, dass ich es gar nicht richtig realisieren konnte. Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen, falls ich noch einmal nach Afrika kommen sollte, dann für deutlich längere Zeit. Denn das Land und die Kultur hier hat enorm viel zu bieten.

Für den letzten richtigen Tag dort gönnten wir uns noch eine Ganzkörper Massage. Der blanke Wahnsinn! Ich wurde schon oft massiert, aber noch nie so brutal gut. Ich stand auf und war nur noch Pudding. Alles war weich. Ein unbeschreibliches Gefühl. Das hatte ich noch nie erlebt. Falls ihr also einmal nach Afrika fliegt, gönnt euch unbedingt eine traditionelle Afrikanische Massage. Danach könnt ihr fliegen, ich schwöre es euch!

Fazit:
Kenia ist ein sehr gefährliches fleckchen Erde, aber definitiv jede Reise wert. Wer viel Mut hat und das große Abenteuer sucht ist hier genau richtig. Leider sollte man sich als „weißer“ dort nicht allzu viel trauen. Es lauern dort viele Kankheiten und Gefahren aber mit den richtigen Tipps, Guides und einem gesunden Menschenverstand hat man einen Wahnsinns-Urlaub.